Muriel Baumgartner


Sonderausschuss, 2012
«(...) und das rareste zeiget sich unden beym Winterhaus, da siehet man eine Menge der raresten Indianischen und Americanischen Gewächsen.» Mit diesen Worten drückte der Chronist Nicolin Sererhard um 1740 seine Bewunderung für die exotische Pflanzenwelt des Gewächshauses aus, das den privaten Barockgarten der Bündner Herrschaftsfamilie von Salis zierte und schweizweit für viel Aufmerksamkeit sorgte. Im heutigen Fontanapark zeichnet ein Laubengang das Volumen der ehemaligen Orangerie nach. An diese historische Relation anknüpfend schafft Muriel Baumgartner ihrerseits im Fontanapark

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… einen Lebensraum für Raritäten der besonderen Art: Ausgewählte Unkrautsorten, die während der Dauer der Ausstellung im Park natürlich und daher konzeptlos wachsen, respektive vom Gärtner gejätet und vernichtet würden, werden in einem von der Künstlerin konstruierten Spezialtrakt im Laubengang wieder eingepflanzt – einem Refugium für unerwünschte Lebensformen. Schön angeordnet und wie in einem botanischen Garten mit mehrsprachigen Namensschildern beschriftet, erhalten die normalen Schweizer Unkräuter den Status exotischer Gewächse. Der ansonsten im Park im Keim erstickte Wildwuchs wird in Baumgartners Intervention als artenvielfältiges Sondergewächs präsentiert, das von der Besucherschaft beim Eintritt in die Planenkonstruktion bewundert werden kann. Zu Beginn der Ausstellung sind die Beete nur spärlich bepflanzt, werden im Laufe der Zeit aber eingrünen und veranschaulichen, was ohne menschlichen Eingriff während sechs Monaten im Park wachsen würde. Der präzisen Aussenraumgestaltung des Fontanaparks, in der Buchsbaum- und Eibenvolumen kunstvoll zu sauberen Kuben herangezogen werden und Wechselflor in die geometrisch angelegten Beete ein- und wieder ausgepflanzt wird, hält Muriel Baumgartner dessen ständig ausgemerzte, artenvielfältige Natürlichkeit entgegen. Die Planenkonstruktion mutet wie ein mobiles Laboratorium an, in dem Pflanzen erforscht und als etwas Kostbares behutsam gepflegt werden. Dass die von Baumgartner geschaffene Biosphäre in der grösseren Biosphäre des Parks angelegt ist, hat dabei durchaus System: In der Künstlichkeit der Anlage bedarf das Natürliche eines besonderen Schutzes. 

Muriel Baumgartner (*1976) ist eine Künstlerin, die meist ortsspezifisch arbeitet.  Ihr Beitrag im Fontanapark stellt allerdings mehr als eine räumliche und atmosphärische Korrespondenz dar. Aus dem Boden des Parks entsprungen, gewissermassen in ihm geboren ist Sonderausschuss untrennbar und wortwörtlich mit dem Ort verwurzelt.

www.murielbaumgartner.ch




‹Sonderausschuss›, 2012 ·  Plane, Pflanzkisten, umgepflanztes Unkraut aus dem Park, Steckschilder, 310 × 385 × 185 cm
Courtesy Muriel Baumgartner, Foto: Ralph Feiner