Hans Josephsohn


Ohne Titel (Lola), Halbfigur, 1996
Ohne Titel, Relief, 1990/2001
Ohne Titel, Relief, 2006
Ohne Titel, Relief, 1994
Hans Josephsohn (1920 - 2012) kann als einzigarte Position im zeitgenössischen bildhauerischen Schaffen bezeichnet werden. Er hat über viele Jahrzehnte mit intuitiver Konsequenz ein Werk von unverkennbarer, künstlerischer Sprache entwickelt. Diese zeigt einen hohen Grad an Abstraktion, verliert aber dennoch nie den Bezug zur menschlichen Figur. Die im Fontanapark gezeigten Arbeiten – eine grosse Halbfigur und drei Reliefs –, sind in Zusammenarbeit mit dem Kesselhaus Josephsohn in St. Gallen für Säen, ernten, glücklich sein ausgesucht worden. Zusammen mit der Liegenden an der Poststrasse repräsentieren sie exemplarisch die drei Haupttypen von Josephsohns plastischem Schaffen und verdeutlichen, dass der Künstler mit der jahrelangen Auseinandersetzung von Rundplastik und Relief einem traditionellen Verständnis der Bildhauerei verpflichtet bleibt. Nach der Maxime …

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… arbeitend, dass der Mensch ganz Körper ist, konjugiert Josephsohn die Materialisierung des Menschlichen durch, getrieben von der Vorstellung, dass dieses nicht zeichenhaft, sondern nur in seiner ganzen physischen Präsenz Ausdruck finden kann. So tritt uns die Halbfigur im Fontanapark höchst körperhaft und in ihrer ganzen Schwere und Materialität entgegen. Obwohl Nase, Mund und Ohren ein Gesicht aufscheinen lassen, ist der Kopf dennoch fern jeder natürlichen Physiognomie und Abbildhaftigkeit gestaltet und lässt keine individuellen Gesichtszüge erkennen. Der Künstler setzt immer wieder zu neuen Versuchen an, über das Individuelle zur Darstellung von etwas Dauerhaftem, von etwas allgemein Menschlichem zu gelangen. Seine Formfindungen baut er aus Gipsplatten auf, die er mithilfe von Gipsmasse in unterschiedlichen Aushärtungsgraden zusammenfügt und modelliert. Um ausgetrocknete Partien skulptural zu bearbeiten, greift er auch wiederholt zum Beil. Die eigentümlich bewegte Oberflächenbeschaffenheit – nach dem Bronzeguss durch sorgfältige Patinierung hervorgehoben – zeugt in ihrer Abstraktheit von der Unmittelbarkeit des Arbeitsprozesses. Sie führt zusammen mit der Massigkeit der Figur zu einem Eindruck des Archaischen, wobei die Figuren in ihrer amorphen Brachialität zugleich von einer stillen Präsenz und Fragilität durchdrungen sind und der Zeit auf wundersame Weise entrückt scheinen. 
Während sich Josephsohn in seinen Halbfiguren mit dem Einzelbild des Menschen beschäftigt, wendet er sich in den Reliefarbeiten den zwischenmenschlichen Beziehungen zu, deren breites Spektrum er anhand von Paardarstellungen zur bildhauerischen Gestaltung bringt. Die Figuren sind bewusst nur angedeutet und treten durch ihre Grössenverhältnisse und ihre Positionierungen auf der Fläche in vielfältig deutbare Konstellationen. Obschon es stets persönliche Erlebnisse sind, die Josephsohns Reliefs zugrunde liegen, so sind sie dennoch in einer allgemein gehaltenen Bildlichkeit lesbar.


Am 20. August 2012 ist Hans Josephsohn im Alter von 92 Jahren in Zürich gestorben. Wir trauern um einen aussergewöhnlichen Künstler. 

www.kesselhaus-josephsohn.ch


‹Ohne Titel (Lola)›, 1996 ·  Halbfigur, Messing, 143 × 80 × 76 cm,
Courtesy Hans Josephsohn und Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen, Foto: Ralph Feiner


‹Ohne Titel›, 1990 / 2001 ·  Relief, Messing, 79 × 72 × 30 cm
‹Ohne Titel›, 1990 / 2001 ·  Relief, Messing, 78 × 80 × 30 cm
‹Ohne Titel›, 1994 ·  Relief ·  Messing, 95 × 78 × 40 cm,
Courtesy Hans Josephsohn und Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen, Foto: Ralph Feiner