Lutz & Guggisberg


Baumschule, 2012
Übung und Veredelung, 2012
In den zwei für den Fontanapark konzipierten Arbeiten setzen sich Lutz & Guggisberg (Andres Lutz (*1968) / Anders Guggisberg (*1966)) mit dem Thema der Zucht auseinander. Wie es für ihr Schaffen charakteristisch ist, so beschränkt sich die thematische Bandbreite beider Werke nicht nur auf die Pflanzenzucht, sondern eröffnet darüber hinaus mannigfaltige Anknüpfungspunkte und Referenzen; so etwa auf die Kultivierung des menschlichen Seins und die darin eingebettete Suche nach dem Glück.
In der Baumschule, einer aus mehreren Baumskulpturen bestehenden Installation, die in in einer Linie seitlich des Laubengangs im Fontanapark angeordnet ist, machen die Künstler den/die Betrachter/in mit dem Vokabular der Zucht und Veredelung vertraut. An jeweils …

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… drei Baumpfählen mittels Baumbindern fixiert, finden die konstruierten Gewächse sicheren Halt und Schutz. Die verschiedenen Techniken der Veredelung manifestieren sich in der Art und Weise, wie die Skulpturen aus unterschiedlichen Elementen gefertigt sind: Naturbelassene Stämme und Äste sind mit industriell verarbeiteten, mit gehobelten, geschliffenen, gerundeten und bemalten Hölzern verschraubt, aufeinander gepfropft, verklebt und verbohrt. In der Aushöhlung eines ausgedienten Didgeridoo etwa ist ein verwitterter Pfosten angesetzt,  aus welchem wiederum ein Rundholz spriesst. Sich der künstlerischen Zucht und Ordnung fügend, vermitteln die Skulpturen jedoch kein anschauliches Bild veredelter Bäume, sondern wirken in ihrer spröden und kargen Konstruktion wie sterile Gerippe, die nie Blüten treiben oder sich fortpflanzen werden. Dem/der Betrachter/in bietet sich eine liebenswürdige wie auch scharfsinnige Parodie auf das Thema der Zucht, die hier ad absurdum geführt wird und die Baumschule zum Symbol des Überzüchteten und Vergeblichen werden lässt. 
In der Audioarbeit Übung und Veredelung übertragen Lutz & Guggisberg den Zuchtbegriff auf das menschliche Sein, getragen vom Leitsatz des mittelalterlichen Benediktiners und Botanikers Walahfrid Strabo: «Nur im Garten ist der Mensch glücklich». Die auditive Reise führt in einen von klösterlicher Strenge geprägten Tagesablauf,  der weit weg vom urbanen Leben stattfindet und den eine unablässige sanfte Zucht und Selbstkultivierung kennzeichnet. Im Sinne der Perfektionierung des menschlichen Seins durch stete Übung scheinen die beiden Künstler das Versprechen des Ausstellungstitels Säen, ernten, glücklich sein einzuhalten.  Gleichzeitig jedoch zeigt die Absurdität der Baumschule und der ironische Unterton der Audioarbeit, dass die Künstler den Gefahren der menschlichen Züchtigung (wie etwa bei Moritz Schrebers Apparaturen und Therapien), der Überzucht und Überkultivierung ebenso viel Platz einräumen, wie der angestrebten Veredelung des pflanzlichen und menschlichen Seins.

www.lutz-guggisberg.com




 ‹Baumschule›, 2012 ·  Installation aus Holzelementen, Masse variabel,
Courtesy Lutz & Guggisberg, Foto: Ralph Feiner


‹Übung und Veredelung›, 2012 ·  Audio, Dauer 5'45'',
Courtesy Lutz & Guggisberg, Foto: Ralph Feiner